Andreas Köstler

Munich

Idealismus im Sinne der herkömmlichen Definition ist jene erkenntnistheoretische Anschauung, die annimmt, daß die Außenwelt nicht unabhängig von allem Bewußtsein existiere, sondern nur als Gegenstand möglicher Erfahrung.
(…) Dem philosophisch unvorbelasteten Menschen erscheint es völlig abwegig, zu glauben, daß die alltäglichen Gegenstände unserer Umwelt nur durch unser Erleben Realität erhalten. Jeder gesunde Mensch glaubt, daß die Möbel auch dann in seinem Schlafzimmer stehen, wenn er selbst zur Tür hinausgegangen ist.

Die Vorstellung, daß all dieses Große und vielleicht Unendliche erst dadurch Realität erhalten soll, daß die Eintagsfliege Mensch etwas davon merkt, erscheint dem Naturverbundenen nicht nur abstrus, sondern geradezu blasphemisch, wobei der »Naturverbundene« ebensogut ein Bauer wie ein Biologe sein kann.

Angesichts dieser Tatsachen ist es im höchsten Maße erstaunlich, daß jahrhundertelang die gescheitesten aller Menschen, vor allem alle wirklich großen Philosophen, an ihrer Spitze Platon, überzeugte Idealisten im strikten, oben definierten Sinne gewesen sind.

Uns allen, vor allem uns Deutschen, ist von Kindheit auf mit jedem Wort unserer Lehrer und unserer großen Dichter eine platonisch-idealistische Grundeinstellung so radikal eingebleut worden, daß sie uns selbstverständlich ist. Wundern wir uns aber einmal gründlich darüber, so drängt sich uns die Frage auf, welche Gründe es wohl gewesen sein mögen, die eine Vielzahl ernst nach Erkenntnis ringender Menschen veranlassen konnten, das Verhältnis zwischen phänomenaler und realer Welt genau verkehrt zu sehen.

Aus: Konrad Lorenz: Die Rückseite des Spiegels (1973)